Orgeln: Funktionsweise, Aufbau und Technik


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Herkunft des Begriffs und Versuch einer Definition

Das deutsche Wort "Orgel" stammt vom griechischen Begriff "organon" (organon) ab, was ganz allgemein "Werkzeug" oder "Instrument" bedeutet. Davon abgeleitet wurde der lateinische Begriff "organum". Wenn also in alten griechischen oder lateinischen Texten von einer "Orgel" die Rede ist, so ist damit nicht unbedingt eine Orgel in unserem Sinne gemeint. Erst seit dem späten Mittelalter ist mit dem Begriff "Orgel" tatsächlich eine Pfeifenorgel unserer Vorstellung verbunden.

Curt Sachs definierte 1919 die Orgel wie folgt: "Die Orgel ist ein Aerophon (Lufttöner) aus skalenmäßig gestimmten Eintonpfeifen, die durch ein Gebläse gespeist und durch Klaviaturen eingeschaltet werden." Damit sind die 3 Hauptelemente einer Orgel genannt: Pfeifen, Gebläse (Windversorgung) und Klaviatur.



Aufbau einer mehrmanualigen Orgel

Die ersten Orgeln besaßen nur ein Manual mit wenigen Tasten und dementsprechend auch nur wenige Pfeifen. Im Spätmittelalter entwickelte sich in Europa – vorwiegend in Deutschland, Belgien und den Niederlanden – die Kirchenorgel in ihrer heutigen Form: Die "große" Orgel (das "Hauptwerk") wurde in der Wand verankert, und hinter dem Spieler baute man in die Emporenbrüstung ein "Rückpositiv" ein. Somit bestand die Orgel aus zwei Werken, die jeweils über eine eigene Klaviatur (= Manuale) angespielt wurden. Außerdem fügte man ein Pedalwerk hinzu, dessen Klaviatur mit den Füßen bedient wurde. Bereits ab dem 16. Jahrhundert baute man bei größeren Orgeln noch weitere Werke wie z.B. ein Brust- und Oberwerk
dazu, jeweils mit weiteren Manualen verbunden. Große Orgeln verfügten somit über 3 bis 4 Manuale; die größten Orgeln heutzutage besitzen bis zu 7 Manuale.

Jedes Werk erhielt verschiedene Register, d.h. Pfeifenreihen unterschiedlicher Bauart, die jeweils verschiedene Klangfarben erzeugen konnten. Die Aufstellung der Pfeifenreihen (Register) einer Orgel nennt man Disposition. Die verschiedenen Werke wurden klanglich unterschiedlich ausgelegt, indem man sie unterschiedlich disponierte: Das Hauptwerk sollte als Rückgrat der Orgel einen majestätischen Klang haben, das Rückpositiv hatte meist einen helleren Klang und war mit zusätzlichen Solostimmen versehen. Dem Pedalwerk ordnete man die Bassstimmen zu.

Dieses so genannte Werkprinzip gilt zumeist heute noch, wie man beispielsweise an der Erfurter Domorgel (Abb. links) erkennen kann:
  • Links und rechts steht das Pedal mit den größten Pfeifen, hier ein Prinzipal 32' (gesprochen: "Fuß", ein altes Längenmaß. Erläuterungen zu Pfeifenlängen stehen hier und zu Pfeifenarten und Orgelregistern hier).

    32'-Pfeifen habe eine Länge von etwa 10 Metern und erzeugen Töne bis hinunter zur untersten Hörgrenze. Das Pedal ist in eine C- und eine Cis-Lade geteilt, d.h. auf der linken Seite stehen die Pfeifen C, D, E, ... und auf der rechten Seite die Pfeifen Cis, Dis, ... Auch dieses Prinzip geht auf das 16. Jahrhundert zurück.
  • In der Mitte unten befindet sich das Rückpositiv, so genannt, weil es im Rücken des Spielers steht, d.h. dahinter
    ist – hier nicht sichtbar – der Spieltisch eingebaut (Erläuterung hier). Im Rückpositiv befinden sich die Pfeifen des ersten Manuals, von denen der Prinzipal 8' im Prospektsteht, d.h. sichtbar ist.
  • Ganz oben steht das Hauptwerk (2. Manual) mit dem Prinzipal 16' im Prospekt. Deutlich ist die doppelte Pfeifenlänge des 16' gegenüber des 8' im Rückpositiv zu sehen.
  • In der Mitte befindet sich das Schwellwerk (3. Manual), in dem die Pfeifen in einem Kasten mit verschließbaren Lamellen stehen, mit denen der Klang lauter und leiser gemacht werden kann (Erläuterung hier).
Vom 19. Jahrhundert an bis zur so genannten Orgelbewegung (einer Mitte der 20-er Jahre beginnende Rückbesinnung auf die klanglichen Ideale der Barockzeit) baute man Orgeln nicht mehr nach dem "Werkprinzip", sondern man verteilte die Register nach dynamischen Kriterien auf die einzelnen Manuale, die alle ähnlich klangen und sich hauptsächlich in ihrer Lautstärke unterschieden. Die dynamische Abstufung wurde u.a. auch durch eine Abstufung des Winddrucks (Erläuterung hier) erreicht. Aus dieser Zeit stammen auch die Hochdruckwerke mit überblasenden Registern.

Das Ziel der romantischen Orgel war die Imitation eines großen Orchesters, und so wurden eine Reihe neuer Pfeifenformen und Registerbezeichnungen entwickelt, die sich an Instrumentennamen anlehnten. Durch Disposition vieler Register in Instrumenten-Originaltonhöhe (8'- oder "Äquallage" genannt; Erläuterung hier) war der Klang dieser romantischen Orgeln sehr grundtonbetont und unterschied sich deutlich vom spitzen, obertonreichen (mixturenbetonten) Klang barocker Orgeln.

Moderne Orgeln heutzutage versuchen, beide Stilepochen und Klangideale miteinander zu verbinden, d.h. einer barocken Basis gemäß Werkprinzip werden romantische Register oder bei großen Orgeln sogar ganze Werke (meistens Schwellwerke) roman- tischer Bauart hinzugefügt, so dass die Interpretation aller Musikrichtungen möglich wird.

Die nebenstehende Abbildung zeigt eine einfache 2-manualige Orgel mit Hauptwerk und Rückpositiv. Man erkennt die nach oben und unten von den Manualen abgehende mechanische Traktur mit den Wellenbrettern, die die Verbindung von den Tasten der Klaviaturen zu den Tonventilen der Windladen herstellen (Erläuterung hier), auf denen die Pfeifen in Reihen stehen.

Anhand der unterschiedlichen Pfeifenformen in der Skizze erkennt man auch die Disposition der Orgel: Von links (in der Orgel hinten) nach rechts (im Orgelprospekt vorn) gesehen stehen im
Hauptwerk:
Trompete 8' - Mixtur 4-fach 1 1/3' - Superoktave 2' - Quinte 2 2/3' - Spitzflöte 4' - Oktave 4' - Rohrflöte 8' - Prinzipal 8'

Rückpositiv:
Krummhorn 8' - Scharff 3-fach 1'- Spitzoktave 2' - Rohrflöte 4' - Gedackt 8' - Prinzipal 4'
Erläuterungen zu den Fußzahlen und Tonhöhen stehen hier; die verschiedenen Pfeifenarten und Register werden mit Klangbeispielen hier beschrieben.

Von allen in einer Orgel vorhandenen Pfeifen stehen nur wenige sichtbar im Prospekt. Die meisten Pfeifen stehen unsichtbar dahinter, wie man in der Skizze rechts und auf den Fotos unten sehen kann. Im Prospekt stehen meist nur die Prinzipale (die zylindrischen polierten Zinnpfeifen, siehe Fotos), während die aufgrund ihrer Bauart nicht ganz so attraktiv aussehenden anderen Pfeifen unsichtbar dahinter stehen.

Bei einigen – meist größeren – Orgeln findet man im Prospekt auch horizontal herausragende Pfeifen, so genannte Spanische Trompeten. Der Name erklärt sich dadurch, dass in Spanien und Portugal schon im 16. Jahrhundert Trompetenregister horizontal in den Prospekt gesetzt wurden. Durch ihre trichterförmigen Schallbecher sehen diese Pfeifenreihen nicht nur imposant aus, sondern beherrschen durch ihre Lautstärke auch den Klang der gesamten Orgel.


Eine klassische spanische Orgel (18. Jahrhundert) in der Kathedrale von Granada mit ihren charakteristischen spanischen Horizontaltrompeten. In Spanien waren damals Doppelorgeln mit einem Doppelprospekt üblich: Die Orgeln standen sich gegenüber und hatten jeweils eine Prospektseite nach vorne zum Hauptschiff (siehe Fotos) und eine nach hinten zum Seitenschiff. Beide Orgeln sind jeweils über einen eigenen Spieltisch (Erläuterung hier) unabhängig voneinander spielbar.

Spanische Trompeten (Tuba 16', 8' und 4') der Orgel im Ulmer Münster mit Prinzipal 16' des Hauptwerks. Allein
dieses eine Teilwerk dieser Riesenorgel ist größer als
die meisten anderen Orgeln komplett.


Und so sehen Orgeln hinter ihrem Prospekt aus, wenn man in ihre Pfeifenkammern schaut:


Pfeifen der berühmten "Vox humana" der Orgel der Basilika Weingarten, die zur Familie der Zungenstimmen (Erläu-
terung hier) gehören. Die speziell geformten Schallbecher
sind verantwortlich für ihren charakteristischen Klang.

Blick ins Hauptwerk der Orgel in der Marktkirche Wiesbaden: Gut zu sehen sind die verschiedenen Pfeifenreihen (Register) mit ihren mit zunehmender Tonhöhe immer kleiner werdenden Pfeifen sowie ihren unterschiedlichen Bauformen und Materialien (Metall, Holz). Unten neben den Windladen, auf denen die Pfeifen stehen, erkennt man die Stellmotoren für das elektrische Registrierwerk, mit denen die einzelnen Pfeifenreihen ein- und ausgeschaltet werden (Erläuterung hier).



Der Spieltisch

Der Spieltisch ist die Steuerzentrale einer Orgel und beinhaltet die Klaviaturen (Manuale und Pedal). Links und rechts neben den Manualen sind die Registerzüge angebracht, mit denen die einzelnen Pfeifenreihen (d.h. Klangfarben) ausgewählt werden. Bei historischen Orgeln sind sie grundsätzlich als mechanische Züge ausgeführt, bei den meisten modernen Orgeln als elektrische Wippschalter, verbunden mit der Möglichkeit, Registerkombinationen vorzuprogrammieren und auf Knopfdruck abzurufen (Erläuterung hier). Außerdem beinhaltet der Spieltisch die so genannten Spielhilfen wie Koppeln, Schweller, usw. (Erläuterung hier).


Spieltisch der Brandenburger Domorgel (1725) mit ausziehbaren Registerzügen links und rechts. Hier erkennt man außerdem eine Eigenart vieler Orgel-Spieltische:
Die Tasten sind umgekehrt gefärbt wie beim Klavier (ganze Töne schwarz, halbe Töne weiß).

Weingartener Basilika (1750). Der Spieltisch steht frei, so
dass der Organist in den Kirchenraum blicken kann. Dies
war damals eine Neuheit und technische Meisterleistung,
da alle 6.631 Pfeifen bis zu 20 Meter entfernt sogar um
Ecken herum mechanisch anpielbar sein mussten.

Spieltisch der Passauer Domorgel (1981), der größten Orgel Europas, mit 5 Manualen und 229 Registern plus Nebenregister und Spielhilfen wie Koppeln, Schweller und Crescendowalze im Fußraum über dem Pedal. Von hier aus werden fünf Teilorgeln mit 17.974 Pfeifen elektrisch angesteuert.

Ein Spieltisch-Kuriosum, das an die Grenze des Mach- und Spielbaren geht, findet man in der Convention Hall in Atlantic City (USA).
Gemessen an der Pfeifenzahl und Lautstärke steht hier die größte Orgel der Welt (nach Ranks / Pfeifenreihen gemessen liegt sie allerdings knapp hinter der Wanamaker-Orgel auf Platz 2). Der rechts abgebildete Spieltisch ist jedenfalls unbestritten der größte der Welt: Er beherbergt
7 Manuale, von denen die unteren drei um mehrere Oktaven erweitert wurden (und die obersten fast senkrecht eingebaut werden mussten, damit der Organist überhaupt eine Chance hat, an die Tasten zu gelangen), mehr als 1.000 seitlich angebrachte Registerwippen (314 echte Register, der Rest sind sog. "Auszüge" und "Transmissionen"), 7 Schwelltritte und hunderte von Koppeln wurden hier eingebaut!

Leider ist diese Orgel, die in den späten 20-er Jahren erbaut wurde, durch den unerbittlich nagenden Zahn der Zeit inzwischen nahezu unspielbar geworden. Allein die Wartung dieses 33.000-Pfeifen-Monstrums mit seiner unglaublichen Komplexität würde schon Unsummen verschlingen. Dennoch gibt es Pläne, die Orgel wieder komplett zu restaurieren – es bleibt abzuwarten, ob die dafür nötigen 'zig Millionen Dollar aufgebracht werden können.

Selbst wenn diese Orgel einmal wieder komplett spielbar sein sollte: Von einem echten "Wohlklang" ist diese Orgel – besonders im Plenum oder Tutti – weit entfernt. Aber den bereits im Guinness-Buch eingetragenen Lautstärke-Weltrekord würde sie locker erneut unter Beweis stellen können.



Die Übertragung von den Tasten zu den Pfeifen

Die Übertragung von den Tasten der Manuale und des Pedals zu den Ventilen der einzelnen Orgelpfeifen / Register geschieht durch die Traktur. Die ersten Orgeln besaßen eine einfache mechanische Traktur, bei der die Druckbewegung der Taste in eine Schiebebewegung umgesetzt wurde, die ein Ventil zum Windkanal öffnete, so dass die Luft in die Pfeife strömen und diese zum Klingen bringen konnte. Die nötige Rückstellkraft besorgte ein Hornspan, später eine Metallfeder (siehe Skizze).

Im Prinzip funktionieren Orgeln mit mechanischer Spieltraktur noch heute so, auch wenn die Traktur im Laufe der Zeit immer mehr optimiert wurde, so dass selbst große Orgeln, bei denen sehr lange und komplizierte Trakturwege zu den Pfeifen überwunden werden müssen, leicht spielbar sind. Ab einer gewissen Größe stößt man aber an mechanische Grenzen - insbesondere, wenn man Orgeln mit Fernwerk bauen oder auf mehrere Standorte verteilen will.

Eine technische Meisterleistung vollbrachte Mitte des 18. Jahrhunderts Joseph Gabler, der Erbauer der großen Orgel der Weingartener Basilika: Er baute die einzelnen Orgel-Teilwerke um die Kirchenfenster herum und platzierte den Spieltisch frei stehend in der Mitte unter der Orgel. Somit musste er vom Spieltisch durch den Boden und die Pedaltürme hindurch zu allen Teilwerken mit ihren insgesamt 6.631 Pfeifen gelangen – und das mit tausenden kleiner hölzerner Zugruten. Bis zum obersten "Kronpositiv" waren auf diese Art insgesamt mehr als 20 Meter Distanz um mehrere Ecken herum zu überwinden!

Einen ungefähren Einblick in die Schwierigkeit dieser Aufgabe vermitteln die Fotos, die einen Teil der Trakturabgänge vom Spieltisch in einen der beiden großen 32'-Pfeifentürme der Weingartener Orgelanlage zeigen. Im Prinzip sieht es hinter dem Spieltisch jeder Orgel mit mechanischer Spieltraktur ähnlich aus (wenn auch nicht ganz so kompliziert).


Im 19. Jahrhundert wurde die pneumatische Traktur (Röhrenpneumatik) entwickelt. Hierbei setzt der Tastendruck eine Pneumatik (Druckluftmechanismus) in Gang, die durch Röhren / Schläuche mit dem entsprechenden Tonventil unter der Pfeife verbunden ist und dieses pneumatisch öffnet und schließt (vergleichbar mit einem Bremskraftverstärker beim Auto). Der Vorteil der Pneumatik war die Gewährleistung leichter Spielbarkeit auch über große Entfernungen vom Manual zu den Pfeifen sowie die Unabhängigkeit des Tastendrucks von der Anzahl der gezogenen Register und Koppeln.

Damit war man bei der Orgelplanung flexibler, da man im Prinzip nun jede Pfeife irgendwo und nicht nur in registerspezifischen Reihen anordnen konnte. Allerdings hatte die pneumatische Traktur auch ihre Tücken: Sie war relativ laut (das typische "pffft") und nicht sehr langlebig, d.h. reparaturanfällig. Außerdem fehlte dem Organisten - im Gegensatz zur mechanischen Traktur - das "Gefühl", d.h. der direkte Kontakt von der Taste zum Ton.

Anfang des 20. Jahrhundert zog die Elektrizität in den Orgelbau ein und man entwickelte die elektrische Traktur. Hierbei wird durch den Tastendruck ein elektrischer Impuls ausgelöst, der über ein Kabel zu einem Elektromagneten unter dem Tonventil der zugehörigen Pfeife geführt wird, der dieses Ventil öffnet bzw. schließt. Diese Trakturform bietet die gleichen aufstellungs- und bautechnischen Vorteile wie die pneumatische Traktur, ist aber weniger aufwändig im Bau und in der Wartung und weniger störanfällig, so dass sich diese Trakturform duchgesetzt hat, wo keine mechanische Traktur gebaut werden konnte oder sollte, denn auch hier gilt, dass der Spieler keinen direkten Kontakt zum Ton und daher kein richtiges "Spielgefühl" hat.

Seit etwa 20 Jahren macht man sich auch die MIDI- und Computertechnik im Orgelbau zunutze. Ein Spieltisch, der mit MIDI ausgestattet ist, kann nicht nur mit anderen MIDI-fähigen Instrumenten oder Computern verbunden werden und diese steuern oder von ihnen gesteuert werden, sondern per Sequenzer ist es dem Organisten möglich, ein Stück einzuspielen und abzuspeichern. Hierbei speichert das System alle Anschläge genau und kann sie auf Knopfdruck wiedergeben. Das eröffnet völlig neue Möglichkeiten - sei es, dass der Organist sein eigenes Spiel noch einmal "aus der Distanz" selbst anhören oder vierhändige Werke alleine spielen kann, indem er die ersten beiden Stimmen vorab in den Sequenzer einspielt und beim Konzert dann zu diesen vom Sequenzer wiedergegebenen Stimmen live den Rest dazu spielt.

Unabhängig von der Art und Bauweise der Traktur bleibt festzuhalten, dass die Tonerzeugung bei Pfeifenorgeln nach wie vor rein mechanisch geschieht. Allerdings gibt es zunehmend Orgeln, die neben Pfeifenregistern auch digitale Stimmen beinhalten. Viele Puristen (und auch ich) sehen diese Entwicklung mit Skepsis, denn selbst das ausgefuchstetste digitale Register klingt bei genauem Hinhören doch nicht so wie ein "richtiges" Pfeifenregister. Da eine Pfeifenorgel aber durch den enormen Materialaufwand (Zinn, abgelagerte Hölzer usw.) und den hohen Arbeitsaufwand (nahezu jedes Teil wird einzeln handwerklich gefertigt) sehr teuer ist und sich die wenigsten Kirchengemeinden dies noch leisten können, ist diese Entwicklung leider kaum aufzuhalten...



Das Registrierwerk

Die Übertragung von den Tasten der Manuale und des Pedals zu den einzelnen Pfeifen ist nur die eine Seite der Traktur - die andere ist das Ein- und Ausschalten der einzelnen Register (Pfeifenreihen, Klangfarben). Die gesamte Anordnung ist eine zweidimensionale Matrix: In der einen Richtung stehen die einzelnen Pfeifen (Töne) und zugehörig die Spiel- / Tontraktur, in der anderen Richtung stehen die Pfeifenreihen (Register) und zugehörig die Registertraktur.

Die nebenstehende Skizze zeigt eine Schleifwindlade mit mechanischer Spiel- und Registertraktur.
Die "Schleifen" öffnen ein großes Ventil, das den Windkanal mit der gesamten Pfeifenreihe (Register) verbindet. Es kann aber erst Luft in die Pfeifen strömen, wenn außerdem noch die Tonventile unter den Pfeifen geöffnet werden. Dies geschieht durch Niederdrücken von Tasten auf der Klaviatur, die mit den Tonventilen verbunden sind. Zieht der Organist mehrere Register, werden entsprechend viele Ventile zu den Windladen der zugehörigen Pfeifenreihen geöffnet. Spielt er auf der Tastatur z.B. einen Akkord, erklingen alle zugehörigen Pfeifen jedes Registers.

Nicht nur bei der Ton- sondern auch bei der Registertraktur hat man im Laufe der Zeit neben der rein mechanischen Traktur pneumatische und elektrische Systeme entwickelt. Die elektrische Register- traktur bietet den Vorteil, dass unterschiedliche Registrierungen (also Mischungen von Klangfarben) abgespeichert und auf Knopfdruck wieder aufgerufen werden können, während man beim mecha- nischen Registrierwerk viele Züge ab- und hinzuziehen muss, wenn man umregistrieren will. Dies schränkt die Spielbarkeit von romantischen und modernen Orgelwerken, die ja einen häufigen Klangfarbenwechsel vorschreiben, deutlich ein (oder der Organist muss zusätzlichen einen Helfer,
den so genannnten Registranten, bemühen).

Im Gegensatz zur Spieltraktur, bei der ein direkter Kontakt von der Taste zum Ton wünschenswert ist, kommt es beim Registrierwerk eigentlich nicht darauf an, ob die Ventile mechanisch oder elektrisch geöffnet werden, da hier nur Ventile zu ganzen Pfeifenreihen für einen längeren Zeitraum geöffnet oder geschlossen werden. Daher verwenden die meisten modernen Orgeln eine Kombination aus mecha- nischer Spieltraktur und elektrischem Registrierwerk, was die Voreinstellung und den schnellen Abruf von Registrierungen erlaubt.

Es gibt im Wesentlichen zwei Bauarten bei der Voreinstellung von Registrierungen: Freie Kombina- tionen und Setzerkombinationen. Bei den freien Kombinationen steht jeder Registerzug mehrfach
zur Verfügung, d.h. man kann in der 1., 2., 3. usw. Kombination jeweils während des Spiels genauso umregistrieren wie bei den Hauptregistern. Solche Spieltische wirken immer gigantisch aufgrund ihrer vielen "Knöpfchen und Schalterchen" (eine Orgel mit 100 Registern und 4 freien Kombinationen hat 500 Registerzüge!) - dennoch bieten sie nicht genügend Flexibilität beim Registrieren, da mehr als 4 freie Kombinationen mit den zugehörigen Schaltern nicht vernünftig am Spieltisch unterzubringen sind. Deshalb werden heutzutage eher Setzerkombinationen verwendet - ein System, bei dem mit den Haupt-Registerzügen eine Kombination eingestellt werden kann, die dann per Speicherknopf in einem elektronischen Speicher (oder Diskette usw.) abgelegt wird. Hiermit ist es möglich, tausende von Kombinationen in verschiedenen Ebenen vorzudefinieren und per Knopfdruck abzurufen. MIDI-fähige Spieltische erlauben sogar die Steuerung der Registrierung durch einen Computer sowie das Aufzeichnen, Speichern und Wiedergeben aller Aktionen des Organisten.

Die Bilder zeigen einen Teil der elektronischen Steuerung der 4.000 Setzerkombinationen mit Sequenzer der Paderborner Domorgel, die aus 3 Teilorgeln besteht, die jeweils einzeln von einem eigenen sowie zusammen von einem gemeinsamen Generalspieltisch aus spielbar sind.


Folgende weitere Abbildungen erläutern die Funktionsweise einer mechanischen Orgel noch genauer:
      •  Tasten- und Registermatrix (eine Taste / Register)
      •  Tasten- und Registermatrix (mehrere Tasten / Register)
      •  Die Mechanik zwischen den Tasten und Pfeifen


Die Spielhilfen

Orgeln bieten je nach Ausstattung noch so genannte Spielhilfen an. Dazu gehören z.B. Creszendowalze, Koppeln und Schweller. Eine Crescendowalze (auch "Registerschweller" genannt) ist eine drehbare Fußrolle, die durch Vorwärts- oder Rückwärtsdrehung Register in vorher festgelegter Reihenfolge hinzuzieht oder abstößt. Dies ist besonders zur Interpretation romantischer Orgelwerke ein wesentliches Hilfsmittel.

Die Koppeln sind eine Einrichtung, die entweder mechanisch, pneumatisch oder elektrisch mehrere Klaviaturen aneinanderkoppeln, d.h. durch Drücken der Tasten der einen Klaviatur werden gleichzeitig die Tasten der angekoppelten Klaviatur mitgedrückt und deren Pfeifen mitgespielt. Bei rein mechanischen Orgeln geschieht dies tatsächlich so (mit dem damit verbundenen doppelt so schweren Tastendruck), bei elektrischen Koppeln werden nur die Töne mitgespielt, ohne die Tasten des angekoppelten Manuals zu bewegen, d.h. der Spieler merkt die Koppel praktisch nicht.

Mit elektrischen Koppeln ist es auch möglich, das gekoppelte Manual versetzt, also z.B. im Oktave-Abstand anzuspielen. Solche Koppeln heißen Super[-Oktave]-Koppeln, wenn sie eine Oktave höher versetzt anspielen, bzw. Sub[-Oktave]-Koppeln, wenn sie eine Oktave tiefer versetzt anspielen. Oft ist es sogar so, dass diese Koppeln auf ein- und demselben Manual wirken. In seltenen Fällen gibt es auch Quint-Koppeln, bei denen die Tasten zusätzlich in einer Quinte versetzt angespielt werden. Wenn die Orgel über so genannte "ausgebaute" Super- oder Sub-Oktavekoppeln verfügt, müssen am oberen bzw. unteren Ende der Tastatur jeweils noch 12 weitere Pfeifen (für die letzte Oktave) vorhanden sein, damit die Oktavekoppel noch Pfeifen zum Anspielen vorfindet. In vielen Fällen ist dies aber nicht der Fall, so dass die obersten bzw. untersten Oktaven der Klaviatur nicht mehr von den Oktavekoppeln beeinflusst werden.

Eine heute in fast jeder Orgel übliche Einrichtung, die bereits im 18. Jahrhundert erfunden wurde, ist der Schweller oder Schwellkasten. Die Pfeifen stehen dabei in einem geschlossenen Kasten, der jalousieartige massive Holzlamellen enthält, die durch ein Fußpedal am Spieltisch vom Organisten in feinen Stufen geöffnet oder geschlossen werden können, so dass sich damit die Lautstärke dieses Orgel-Teilwerks regulieren lässt.
Dieser Effekt ist gut in nebenstehendem Klangbeispiel zu hören:  

Das Bild rechts zeigt den Fußbereich des Spieltischs der großen Orgel der Berliner Auenkirche.



Die Windversorgung einer Orgel


Die für das Erklingen der Pfeifen nötige Luft (im Orgelbau Wind genannt) wurde früher durch Balgtreter erzeugt, die in einer Nachbarkammer der Orgel große Bälge getreten haben, wie in nebenstehender Skizze dargestellt ist. Der Wind wurde gesammelt in die Reservoire der Orgel geleitet. Heutzutage übernimmt ein Gebläse, das von einem großen Elektromotor angetrieben wird, diese Arbeit - das Prinzip ist aber immer noch das gleiche.

Damit sich ein stabiler Ton ergibt, muss der Winddruck möglichst konstant sein. Da sich aber die von der Orgel geforderte Windmenge, die abhängig ist von der Anzahl der gezogenen Register und gespielten Töne, laufend ändert, besitzt die Orgel große Reservoire und Ausgleichseinrichtungen (so genannte "Schwimmerausgleichsbälge" unter den Windladen), die dafür sorgen, dass der Winddruck konstant bleibt.

Mit diesem System ist es auch möglich, unterschiedliche Winddrücke für die verschiedenen Werke, Teilwerke oder sogar für einzelne Register zu realisieren. Ein höherer Winddruck erzeugt einen lauteren und fülligeren, aber oberton- ärmeren Ton (mit der gleichen Pfeife) als ein niedrigerer Winddruck, d.h. man kann durch eine unterschiedliche Einstellung des Winddrucks auch eine klangliche Differenzierung der einzelnen Teilwere erreichen.

Normal sind Winddrücke von etwa 60 bis 100 mm WS (Wassersäule in der sog. Windwaage gemessen), was etwa 2,4 bis 4" (inch) entspricht. Hochdruck-Register können mit Winddrücken bis zu 2.500 mm (ca. 100") betrieben werden - allerdings klingt ein so erzeugter Ton dann eher nach Schiffshorn oder Sirene als nach einem Orgelregister...

Ein wichtiges Hilfsmittel, um den Orgelklang weniger statisch wirken zu lassen, ist neben dem oben beschriebenen Schweller der Tremulant. Der Tremulant öffnet und schließt den Windkanal an einer kleinen Stelle periodisch und erzeugt so Winddruckschwankungen, die wiederum ein "Tremulieren" des Tons bewirken.

In nebenstehendem Klangbeispiel ist eine "Vox humana" mit Tremulant zu hören:  

Zu guter Letzt:
Wem die Infos auf dieser Seite noch nicht ausreichen, sollte sich auch im Orgel-Bereich der kostenlosen Online-Bibliothek Wikipedia umschauen.



Hinweise: Die Zeichnungen auf dieser Seite sind Scans aus dem Buch "Die Orgel" von Friedrich Jacob (Schott Verlag), die textlichen Ergänzungen in den Skizzen stammen von mir. Die Skizzen können durch Anklicken vergößert werden.

Die Klangbeispiele stammen von der CD "Das Geheimnis Orgel", gespielt von Paul Wißkirchen an der Altenberger Domorgel mit freundlicher Genehmigung der TMK-Gruppe
Medienproduktion & Vertrieb, Köln.